Königliche Rettung – Anax imperator

Als ich am letzten Sonntag eigentlich schon alles im Kasten hatte, was Ihr zuletzt hier gesehen habt, machte ich einen letzten Schlenker zum See, um das Schilf noch mal auf Herbst-Mosaikjungfern abzusuchen, fand jedoch keine mehr. Als ich mich umwandte, sah ich einen Mann, ebenfalls mit Kamera, am Seeufer stehen und konzentriert auf die Wasseroberfläche kucken, wo sich etwas bewegte. Es mussten Libellen sein. Ich ging die paar Meter zu ihm rüber, während er schon damit beschäftigt war, die im Wasser strampelnden Libellen irgendwie retten zu wollen. Sie befanden sich ca. einen Meter vom Ufer weg in einem wenige Zentimeter großen Wasserloch zwischen dicken Algenteppichen. Inzwischen war der Fotograf beherzt mit seinen Gummistiefeln in den Teich gegangen, um den Libellen mit der Hand herauszuhelfen. Vorsichtig versuchte er, sie von unten anzuheben und erklärte mir, dass es sich um zwei Männchen der Großen Königslibelle handele. Offenbar waren die beiden im Kampf miteinander abgestürzt und kamen nun von der Wasseroberfläche nicht mehr hoch. Diejenige der beiden, die weniger tief im Wasser gesteckt hatte, flog beim ersten Anheben davon, die andere blieb auf seiner Hand sitzen, und er setzte sie am Ufer ab. „Fotografieren Sie etwa auch Libellen?“, fragte er mich. Nachdem ich das bejaht hatte, war seine zweite Frage, ob ich denn die Website von Willi Wünsch, Waldschrat, kennen würde. Nachdem ich auch das bejahte, erzählte er mir, dass sie gerade zusammen in Norddeutschland auf Libellentour gewesen sind und wie er eine Große Königslibelle beobachtete, die, nachdem sie zuerst den Kopf abgetrennt hatte, eine Große Moosjungfer verzehrte. Das Fotodokument des Herrn Heydrich dazu wurde auf der Waldschrat-Seite veröffentlicht und ist hier zu bestaunen.

Während wir uns unterhielten, hatte die Libelle wohl versucht, aufzufliegen, wobei sie aber wieder ins Wasser taumelte, so dass Herr Heydrich sie erneut hochfischte und etwas weiter die kleine Böschung hinauf absetzte.

Nachdem wir uns noch einen Moment unterhalten hatten, wollte Herr Heydrich los, und ich dachte mir, die leider etwas missliche Lage der armen Libelle muss ich ausnutzen und noch einige Bilder machen, denn wann habe ich schon mal Gelegenheit, eine Große Königslibelle zu fotografieren? Allenfalls die Weibschen habe ich mal bei der Eiablage erwischt. Sie saß da am Boden und rührte sich fast gar nicht, sie tat mir sehr leid, denn es waren mindestens 10 Minuten oder mehr nach ihrer Rettung vergangen, während die andere Libelle doch gleich auf und davon geflogen war. Eigentlich sah sie ganz gut und relativ unversehrt aus. Die Flügel hatten leichte Lädierungen, sie war nass und etwas schmutzig vom Seewasser und am rechten Vorderbein fehlte das letzte Segment mit der „Kralle“. Armes Ding! Möglich, dass das beim Kampf passiert ist, vielleicht war es aber auch vorher schon passiert. Dieses Bein hielt sie allerdings die ganze Zeit, in der ich sie beobachtete, vor sich wie in „Schonhaltung“, festhalten konnte sie sich damit ja auch nicht mehr.

Da es an diesem Platz eher schattig war, meinte ich, es wäre besser, wenn ich sie in die Sonne brächte, wo sie trocknen und sich aufwärmen könnte. Vorsichtig schob ich meinen Finger unter den Thorax, wobei sie sich dann mit den Beinchen schon an meinem Finger festhielt und ich knipste sie ein paar Mal, bevor ich ein sicheres Plätzchen für sie suchte, um sie dort abzusetzen. Einerseits war es ein sehr schönes Gefühl, die Libelle auf der Hand zu haben, andererseits war ich traurig über ihren Zustand und hätte mir mein „Libelle-auf-der-Hand“-Erlebnis doch mit einer vitalen, freiwillig gelandeten Libelle gewünscht anstatt mit so einem hilflosen Geschöpf, das wie unter Schock wirkte.

Ich wollte sie nicht auf den Boden setzen, so dass vielleicht noch jemand drauf getreten wäre, also setzte ich sie auf einem bodennahen Zweig ab, wo sie auch ein bisschen getarnt war. Hin und wieder sah ich sie Kaubewegungen machen und einige Male vibrierte sie kurz kräftig mit den Flügeln. Nachdem ich sie auch hier noch einige Male fotografiert und ca. 10 Minuten dort verbracht hatte, musste ich los und kann daher leider über das weitere Schicksal dieses verunglückten Königslibellen-Männleins nichts weiter sagen. Hoffen wir mal, dass sie bzw. er es doch noch geschafft hat.

 

9 Antworten

  1. Sanddorn Junge!😉

    22. September 2012 um 22:38

  2. Was für fantastische Makros, aber so etwas passiert immer mal wieder mit Libellen !!

    22. September 2012 um 22:57

    • Danke! Ja, gut, dass wir das alles nicht mitkriegen, wie viele Libellen von Fröschen oder Artgenossen gefressen werden oder Spinnen ins Netz gehen.

      22. September 2012 um 23:15

  3. Eine schöne Geschichte. Und ein (nicht nur) für Dich glücklicher Zufall.
    Und mit dem Fressen und gefressen werden ist das so eine Sache, die sich leider nicht vermeiden läßt.
    LG Michel

    23. September 2012 um 13:35

    • Da hast Du Recht, und trotzdem wünschte man sich irgendwie, dass die eine schöne Libelle einfach etwas anderes als eine andere schöne Libelle fressen würde.😉

      23. September 2012 um 14:19

  4. Kim

    Die Libelle ist zwar sehr schön, aber die Facettenaugen sind ein wenig unheimlich bei genauem Hinsehen!:/

    23. September 2012 um 15:44

    • Ja? Finde ich gar nicht.🙂 Gerade die Augen gefallen mir, sie schimmern farblich so schön. Danke für Deinen Besuch!

      23. September 2012 um 16:31

  5. PeM

    Wow, das sind extrem schöne Makro-Aufnahmen zu einer weniger schönen Geschichte. Nun sind es schon drei Unglücksfälle in unserem kleinen Libellen-Zirkel😉
    Es funktioniert offenbar doch, die Kamera mit der nicht eben leichten Makro-Linse in einer Hand zu balancieren😉

    Zur Könibslibelle selbst: Die hätte ich auf den ersten Blick wahrscheinlich wieder mit einer Mosaikjungfer verwechselt… Ein sehr schönes Insekt, sehr grazil, und gar nicht so brummer-mäßig wie die Großlibellen oft wirken. Und dann dieses schöne Blau… *seufz*

    Fazit: Klasse Bilder, interessante Geschichte!

    24. September 2012 um 12:00

    • Danke, meine Liebe. Von der Seite gesehen finde ich, dass sie einen ziemlich bulligen Thorax hat, aber von oben sieht sie eher schlank aus.

      25. September 2012 um 19:01

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